Die Spirale aus roten Linsen – Ein Ritualbericht

Andrea kam zu mir mit dem Wunsch nach einem Abschiedsritual. Ihre Mutter war einige Wochen zuvor gestorben. Die Verbindung der beiden war lange schwierig gewesen.
Sie war die erste Frau, die ich in meinem neuen Tempelraum begleiten durfte. Allein das war für uns beide etwas Besonderes. Als sie ankam, zeigte ich ihr erstmal die Räume. Danach setzten wir uns auf das Sofa, machten es uns gemütlich und tauchten lange in ihre Geschichte ein. Dieses Gespräch war wichtig, um wirklich herauszukristallisieren, worum es in diesem Ritual gehen sollte und was ihr eigentliches Anliegen war.

Was verstreut war
Bereits in der Woche davor hatte ich eine Spirale aus roten Linsen auf den Boden gelegt. In der Mitte stand eine schöne Schale mit Heilwasser von der Quelle hier bei mir in der Nähe, darin lag ein Stein. Während ich die Spirale gelegt hatte, war mir aufgefallen, dass sich die roten Linsen überall verstreuten, weil sie beim Legen auf den Boden klangen und wegsprangen. Es war sehr viel Verstreuung da.
Und plötzlich war der Gedanke da, dass es in diesem Ritual vielleicht darum gehen würde, das Verstreute wieder auf die Linie zu bringen – auf die eigene Lebenslinie. Ich bündelte die verstreuten Linsen wieder und dachte an den Satz von Schneewittchen: „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.“ Und dann kam sofort das Gefühl: Nein, wir drehen das um. Sie nimmt die guten Dinge mit und lässt die anderen einfach liegen.

47 Gänseblümchen
Im Park hatten mich ganz stark Gänseblümchen gerufen. Ich nahm intuitiv welche mit, ohne sie zu zählen. Erst später im Ritual bemerkte ich, dass es genau 47 Gänseblümchen waren. Zwei davon wollten in die Mitte der Spirale.
Als ich Andrea fragte, wie alt sie sei, sagte sie: 47. Solche Dinge passieren mir immer wieder, und trotzdem berühren sie mich jedes Mal aufs Neue. Die Gänseblümchen fühlten sich für mich an wie ihr Lebensweg und gleichzeitig wie das Kindliche, Verletzliche in ihr. An den Beginn der Spirale legte ich Magnolienblätter als Symbol für Selbstliebe.

Symbolische Botschafter
Andrea hatte Blumen mitgebracht. Sie legte einzelne Blumen in die Spirale und begann dadurch schon, mit ihr in Beziehung zu treten. Ihre Begleiter aus der Pflanzenwelt waren:
Alle wollten mit ins Ritual und Andrea ihre Kräfte schenken.
Im Gespräch davor hatten wir auch symbolisch ihre Mutter mit in den Raum genommen und kurz vor dem Ritual auch ihren Vater. Es flossen viele Tränen. Ich gab Andrea zwei Steine in die Hände – einen für ihre Mutter und einen für ihren Vater. Für das Ritual war bereitet:
Während des Rituals veränderte sie immer wieder etwas in der Spirale, legte Blumen um, bewegte Linsen, interagierte mit dem Bodenbild.
Der Weg zur Mitte
Ich lud sie ein, die Spirale bewusst zu gehen. Sie begann an ihrem jetzigen Lebenspunkt und lief langsam zurück bis in die Mitte – zurück zu ihrer Geburt, zurück zu ihrem Ursprung. Dabei trug sie ihr Anliegen mit sich: Frieden zu schließen mit der Geschichte ihrer Mutter, mit all dem, was nicht gut gewesen war, und gleichzeitig die guten Linsen ihres Lebens mitzunehmen.
In der Mitte angekommen, ließ sie symbolisch Dinge los, die sie nicht mehr brauchte. Sie verabschiedete sich innerlich und sprach einen Satz wie: „Es ist gut, dass es jetzt so ist, wie es ist.“ Danach entzündete sie die Kerze und lief mit ihr wieder nach außen durch die Spirale zurück in ihr Leben.

Nachklang mit Berührung
Begleitend sang ich für sie das Lied „Im Gehen der Spirale“. Zur Einstimmung hatten wir „Drawing Sand“ gehört. Als sie aus der Spirale heraustrat, trommelte ich für sie. Danach trommelte sie selbst noch eine Weile.
Anschließend legte sie sich auf die Massageliege. Dort durfte das Ritual weiter in ihrem Körper ankommen. Ich arbeitete mit Klangschalen, Windspiel, Musik und Berührung. Gemeinsam spürten wir, wo sich die Kraft dieses Rituals in ihrem Körper verankern wollte, und wir fanden dafür den Bereich ihres Herzens und ihrer Brust. Sie zog eine Karte – den Fliegenpilz. Auch das fühlte sich bedeutsam an.
Danach ließ ich sie noch eine Weile allein im Raum liegen, räucherte währenddessen die Räume und gab dem Ritual Zeit, sich weiter zu entfalten. Als sie wieder zurückkam, sprachen wir noch ein wenig und ließen alles langsam ausklingen.

Was bleibt
Zum Abschluss löschte sie die Kerze. Damit war das Ritual vollendet.
Ich lud sie ein, aus der Spirale mitzunehmen, was sie gerne behalten wollte. Sie nahm einige getrocknete Gänseblümchen und ein paar Linsen mit und schnürte sich daraus ein kleines Bündel. Den Rest der Spirale lasse ich noch einige Tage liegen. Ich fragte sie, ob sie sich wünsche, dass die Dinge später eher in die Erde oder ins Wasser zurückgegeben werden sollten. Sie spürte, dass sie ins Wasser dürfen. Deshalb werde ich die Spirale in den nächsten Tagen auflösen und in den Fluss geben.

Rituale sind wie Anker
Wir tranken noch gemeinsam Tee und ließen alles ruhig nachklingen.
In diesem Nachgespräch sprach ich den Satz: „Rituale sind wie Anker.“
Denn genau so fühlte es sich an. Ein bewusst gelebtes Ritual kann einen inneren Ort erschaffen, zu dem wir immer wieder zurückkehren können. Einen Moment, der sich tief in uns verankert und lange weiterwirkt. Ich selbst denke heute noch an Rituale zurück, die zwanzig Jahre her sind.
Danke an Andrea. Möge dieses Ritual ein Anker für dich sein. Danke für dein Vertrauen und den besonderen Morgen im Tempel.

Wer hier schreibt
Ich bin Nina Maria Doulgeris und begleite Menschen seit vielen Jahren in der Welt der Rituale.
In meiner Arbeit entstehen Rituale für Übergänge im Leben – für Geburt, Abschied, Neubeginn und viele andere Schwellenmomente. Rituale sind für mich keine starren Traditionen, sondern lebendige Räume, in denen Menschen Sinn, Verbindung und Bedeutung erfahren können.
Auf Ritualwelt sammle ich Inspirationen, Gedanken und praktische Impulse rund um Rituale – für das heutige Leben, menschlich, offen und kreativ gestaltet. Neben meinen Büchern begleite ich auch Frauen persönlich. In persönlichen Zeremonien und Ritualen für Übergänge im Leben.
In Liebe,
Nina


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