Ein ganz persönliches Abschiedsritual zur Fehlgeburt

Frau trauerst um ihr Kind bei einem Abschiedsritual nach einer Fehlgeburt inmitten von Kerzen

In diesem Blogbeitrag möchte ich eine ganz persönliche Geschichte mit dir teilen. Im Frühling 2018 war ich schwanger mit unserem 4. Kind. In der 13. SSW ging ich zur Kontrolle zu meiner Frauenärztin. Wir schauten auf eine perfekt geformte Fruchtblase. Sie war leer. Eine Woche später gebar ich. Ich war gut vorbereitet mit Tee von meiner Hebamme, hatte mich mit zwei Freundinnen ausgetauscht, die diesen Weg schon gegangen waren.

Hier geht es mir um das Ritual, das ich mit meinem Mann und unseren Töchtern gefeiert habe, um den Abschied zu begleiten. Eine Woche nach der „kleinen Geburt“ fuhren wir gemeinsam in unseren Garten und verabschiedeten uns von Emilia Rainbow. Diesen Namen träumte ich einige Wochen zuvor und die Mädels küssten seither immer wieder meinen Bauch und sprachen mit ihrer Schwester „Emilia Rainbow“.

Ein kleines geschmücktes Grab bei einem Abschiedsritual zu einer Fehlgeburt vor einem Jasminstrauch

Das Ritual

Die Kinder hatten viele Bilder für sie gemalt. Ich hatte zwei Wochen zuvor Räuchersticks gebunden, am Tag nachdem ich erfuhr, dass mein Bauch leer war. Ich sammelte die wundervollsten Pflanzen des Gartens und band intuitiv eine Mischung. Rose. Salbei. Lavendel. Schmetterlingsflieder. So bereitete ich mich auf den Abschied vor.

Gemeinsam wählten wir einen Platz. Zwischen Jasmin und Schmetterlingsstrauch, unweit der Schaukel, sollte das kleine „Grab“ liegen. Wir bereiteten den Raum, hoben die Erde aus. Sammelten Blumen und Kräuter. Holten die inzwischen getrockneten Räuchersticks. Gemeinsam sangen wir das Lied „Somewhere over the rainbow“ von Israel Kamakawiwo´ole.

Mein Mann und ich lasen jeder seinen Abschiedsbrief vor. Wir verabschiedeten unsere Hoffnungen und Illusionen. Unsere Träume und Erwartungen. Die Bilder in unseren Köpfen, wie es gewesen wäre, noch ein wundervolles Wesen im Arm halten zu dürfen.

Der Teil des Vorlesens war unseren Mädels, glaube ich, zu viel und sie entfernten sich, gingen spielen. Wie klug Kinder doch sind. Instinktiv schützten sie sich so vor einem „zu viel“ ihrer Eltern. Vor etwas, das nur zu mir und meinem Mann gehörte. Das war wichtig und gut. So konnten wir zu zweit noch eine Weile dort stehen und trauern.

Zwei Menschenfüße stehen am kleinen Grab bei einem Abschiedsritual zu einer Fehlgeburt. Auf der Erde liegen Kerzen und Gaben für das Baby.

Kinder und ihr Abschiedsritual

Meine wundervolle Freundin Angela Gasch hatte uns einen ganz persönlichen Text vertont und mit zarter Klaviermusik hinterlegt. Den spielten wir nun ab. Darin erzählt sie von der zarten Seele, die nicht auf diese Erde kommt – und doch zu ihren Eltern und Geschwistern gehört. Die eine wichtige Aufgabe hat und ihren sicheren Platz in unseren Herzen. Ihre Liebe floss durch diese Worte zu uns und ließ die Tränen in Sturzbächen rinnen. Gleichzeitig war es so heilsam.

Als unsere Kinder Angelas Stimme und die Musik hörten, kamen sie langsam wieder zu uns und lauschten aufmerksam. Wir vergruben gemeinsam die irdische Form, die wir empfangen durften, segneten sie, legten Blumen und Kerzen nieder. Ich hatte mit den Kindern eine Art Grabstein bemalt. Unsere besten Freunde haben uns eine Rose geschenkt, die pflanzten wir mit viel Liebe und Achtung in Mutter Erde.

Es war eine so heilsame Zeremonie. Für jeden von uns einzeln und für uns als Familie. Wir fühlten uns geführt und begleitet, getragen von so vielen Ebenen. Ja, es war traurig. Ja, es tat weh. Und es war so richtig und wichtig mit all diesen Gefühlen umzugehen.

In diesen Tagen wäre unser Baby geboren worden. Eine Welle an Erinnerungen flutet mich. Und obwohl ich tief im Frieden bin mit all dem Erlebten um Emilia Rainbow, spüre ich eine tiefe Trauer. Vielleicht erinnert sich auch mein Körper an den Rhythmus, meine Zellen an die Potenzialität. Vielleicht sind es Emotionen, die durch meine Gedanken ausgelöst werden.

Wie auch immer, der Schmerz lässt mich diese Worte schreiben. Die Tränen in geschriebene Zeichen wandeln. Es ist gut, die Erinnerungen niederzuschreiben, ein weiterer Teil des Heilungswegs.

Blumen und Pflanzen auf der Erde bei einem kleinen Grab bei einem Abschiedsritual nach einer Fehlgeburt

Das Recht auf ganz persönliche Trauer

Bitte lasst uns nicht darüber diskutieren, dass es weitaus schlimmere Fälle gibt. Ich habe drei gesunde Kinder, ich habe nur eine leere Fruchthöhle geboren. Kein Kind. Mir ist klar, dass es unzählige Frauen da draußen gibt, neben deren Geschichte meine kleine Episode verblasst. Und es gibt unzählige Frauen da draußen, die Ähnliches erleben und nicht darüber sprechen. Aus genau diesem Grund.

Meine Trauer und mein Schmerz dürfen da sein. Sie wollen einen Platz in meinem Herzen, einen Ausdruck. Bitte nimm auch du dir die Zeit und den Raum solche Ereignisse zu verarbeiten, auf deine ganz persönliche Weise. Das Ritual ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Aber ich bitte dich: Gib deiner Trauer Raum! Nimm sie liebevoll in die Arme, habe Verständnis für dich, selbst wenn es keinen einzigen Menschen um dich herum gibt, der dich versteht.

Ungeborene Kinder wollen einen Platz im System. Sie wollen gesehen und gefühlt werden. Das ist ihr Recht. Und dein Herz als Mutter kann vielleicht erst dann ganz ruhig werden, wenn auch diese Seele ihren Platz in deinem Herzen eingenommen hat.

Frau sitzt am Grab ihres Kindes bei einem Abschiedsritual nach einer Fehlgeburt mit Blumen und Kerzen

Sprechen über die Fehlgeburt

Mögen diese Worte einen Teil dazu beitragen, dass wir nicht länger schweigen! Sprechen wir darüber. Tauschen wir uns aus. Teilen wir uns mit. Dann kann der Schmerz aus unseren Herzen fließen und sich Stück für Stück, Wort für Wort, Träne um Träne, lösen.

Angela Gasch hat ihren Text für diesen Blog noch einmal eingesprochen und veröffentlicht. Wenn du ihn hören möchtest findest du ihn hier: vimeo.com/310406602

Vielen Dank dafür, du Engel! Dein Text kommt direkt aus dem Himmel. Er hat mich damals so sicher durch diese Zeit getragen und wird für immer in meinem Herzen klingen. Möge er auch tröstend sein für andere Familien in einer ähnlichen Situation.

Ritualwelt-Empfehlung

Wenn du dir Begleitung wünschst

Wenn du diesen Weg nicht alleine gehen möchtest, halte ich diesen Raum gerne für dich.

Ritualbegleiterin in der Natur am Wasser - persönliche Begleitung für Übergänge und Lebensrituale
Nina Maria Doulgeris von Ritualwelt Polaroid

Wer hier schreibt

Ich bin Nina Maria Doulgeris und begleite Menschen seit vielen Jahren in der Welt der Rituale.

In meiner Arbeit entstehen Rituale für Übergänge im Leben – für Geburt, Abschied, Neubeginn und viele andere Schwellenmomente. Rituale sind für mich keine starren Traditionen, sondern lebendige Räume, in denen Menschen Sinn, Verbindung und Bedeutung erfahren können.

Auf Ritualwelt teile ich Inspirationen, Gedanken und praktische Impulse rund um Rituale – für das heutige Leben, menschlich, offen und kreativ gestaltet. Wenn du tiefer in die Welt der Rituale eintauchen möchtest, sei herzlich willkommen.

In Liebe,
Nina

Kommentare meiner alten Homepage:

Astridlink

1/10/2019 11:53:08 am

Liebe Ina,

ich habe Tränen in den Augen, weil es mich so berührt, wie Du und Deine Familie mit diesem Schmerz umgegangen seid. Ihr seid so stark und habt das zauberhaft gemacht.

Ich bewundere Deinen Mut und Deine Offenheit, dies uns zu zeigen. Gerade darin liegt das Wunder und die Nähe und die Heilung.

Alles Liebe für Dich und all Deine Kinder.

Herzlichst

Astrid

ANTWORT

Nina Doulgerislink

1/12/2019 07:37:54 pm

Ich danke dir von Herzen liebe Astrid! Tatsächlich hat mich die Veröffentlichung sehr viel Mut gekostet. Umso mehr freut es mich, dass es Frauen gibt, die meine Worte erreichen.

Danke auch für deine Wünsche!

Herzlich

Nina

ANTWORT

Antonia

1/10/2019 12:05:05 pm

Liebe Nina, danke für deine Geschichte. Und danke für dieses berührende Ritual. Es klingt etwas tief in mir an. Auch für mein zu früh gegangenes Kind. Danke!

Wie schön, dass du auch Rituale für andere anbietest. Sie sind sooo wertvoll und es gibt so viele ungeborene Kinder die ihren Platz in den Herzen ihrer Familien finden möchten.

Danke für dein Sein und dein Tun.

Love, Antonia

ANTWORT

Nina Doulgerislink

1/12/2019 09:00:51 pm

Liebste Antonia,

ich danke dir sehr für deine wertschätzenden Worte und freue mich, dass ich dich erreicht habe. Alles Liebe zu dir!

Nina

ANTWORT

Tina

1/10/2019 06:48:13 pm

Liebste Nina,

ich bin tief berührt… Danke.

Alles Liebe, Tina

ANTWORT

Nina Doulgerislink

1/12/2019 09:01:59 pm

Danke Tina!

Herzensgruß

Nina

ANTWORT

Felicitaslink

2/25/2019 08:12:55 pm

Meine liebste Nina!

Dass Du so etwas durchmachen musstest, habei ich nicht gewusst! Du hast mein tiefstes und wärmstes Mitgefühl-ich selbst kann nur erahnen, wie Du Dich gefühlt haben musst. Ich habe zwar Erfahrungen mit Tod-mehrere- aber nicht mit dem Tod von Kindern. Mein Mann sagte immer: „Jeder steckt in seiner Haut“. Kein Mensch kann-und darf-sich ein Urteil über einen anderen erlauben, ehe er nicht die Erfahrung selbst durchlebt hat, die der andere machen musste. Dass Du diesen Abschied in Form eines Rituals überhaupt durchgestanden hast, dafür hast Du meine grenzenlose Bewunderung-beweist es doch, WIE stark Du bist! Ich selbst hätte das nicht gekonnt…Aber darin zeigt sich auch, dass jeder SEINE Art und Weise hat, solcherlei traumatische Erfahrungen zu bewältigen. Das verdient einfach nur Respekt. Respekt vor der Individualität dessen, der eine Krise zu verarbeiten hat. Du kannst stolz auf Dich sein…Deine Felicitas

ANTWORT

Nina Doulgerislink

3/7/2019 08:33:38 am

Liebe Felicitas,

ich danke dir sehr für dein Wahrnehmen und Mitfühlen. Ja, jeder hat seine Herausforderungen im Leben und darf seinen ganz eigenen Weg finden damit umzugehen. Eine weise Erkenntnis deines Mannes. Wie schade, dass ich ihn nicht mehr erleben darf. Ich bewundere dich zutiefst für deinen Weg und das Meistern deiner Herausforderungen.

Herzensgruß

Nina

ANTWORT

Carina

7/24/2021 10:47:36 pm

Liebe Nina,

ich finde es total schön, dass es Frauen wie dich gibt, die öffentlich über das Thema sprechen (bzw. schreiben). Euer Trauerritual ist sicherlich ein schönes „Vorbild“ für andere Betroffene. Ich kenne mehrere Frauen, die dieses Schicksal schon erlebten..

Spannend finde ich, dass du den Namen Emilia Rainbow empfangen hast. Es gibt ein Buch von einer Autorin, die genau so heißt! Sonia Emilia Rainbow, „Frauenheilkraft: Das vergessene Wissen um die Urkraft der Gebärmutter“. Vielleicht ist es ja interessant für dich oder die eine oder andere Leserin.

Liebe Grüße

Carina

ANTWORT

Nina Doulgerislink

8/17/2021 07:27:10 am

Hallo liebe Carina,

ich danke dir von Herzen für deine Rückmeldung und den Buchtipp. Ich habe es direkt beim Erscheinen gekauft und gelesen. Eine Freundin erzählte mir, dass es Sonja Emilia Rainbow gibt. Bisher kenne ich sie nur über Facebook, aber vielleicht ergibt sich mal ein Kennenlernen. Ich finde sie sehr inspirierend und lächle beim Gedanken daran, dass die kleine Seele einen ähnlichen Namen gewählt hat.

Herzensgruß zu dir ❤️